Nachrichten aus der Pfarrei St. Katharina von Alexandrien

Pfarrbrief »miteinander unterwegs«


Dezember 2017 / Januar 2018

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Orgel in St. Michael: »Klingt wie eine Große . . .«


Zum Abschluss der Spendenaktion für die Orgel in St. Michael hier ein (leicht gekürzter) Artikel von Ansgar Springub und dem Orgelbauer Georg Schloetmann, der im Fachblatt Ars Organi erschienen ist.


Die Orgel in St. Michael hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. Gebaut wurde sie im Jahre 1881 für die Alfred-Thaer-Schule in Hamburg von der damals noch schleswig-holsteinischen Firma Marcussen. Sie besaß sieben Register auf Schleifladen. Im Jahre 1914 erhielt der Orgelbauer Paul Rother aus Hamburg den Auftrag, das Instrument zu erweitern. Rother verwendete Pfeifenwerk und Gehäuse für den Umbau. Nach dieser Arbeit besaß die Orgel zehn Register plus zwei Transmissionen auf pneumatischen Kegelladen. Im Jahre 1954 wurde diese Orgel an die Pfarrei St. Michael verkauft. Die Firma Kemper baute das Instrument ab und rekonstruierte es in Pinneberg. Fünf Jahre später erfolgte eine »Anpassung an den allgemeinen Zeitgeschmack«. Die Orgel wurde klanglich aufgehellt und die Traktur elektrifiziert. In diesem Zustand diente sie über viele Jahrzehnte dem Gemeindegesang. Nach den gravierenden baulichen Änderungen von 2009 war es an der Zeit, ein Konzept für die stark renovierungsbedürftige Orgel zu finden, das den musikalischen Bedürfnissen sowie dem neuen Raumvolumen der Kirche gerecht werden konnte. Nach intensiver Auseinandersetzung mit verschiedenen Konzepten entschied sich die Kirchengemeinde für den Vorschlag der Firma Hammer aus Hannover-Hemmingen.

Da eine ausreichende historische Substanz nicht mehr vorhanden war, beschloss man, einen technischen Neubau unter Beibehaltung des historischen Gehäuses sowie Einbindung der gut erhaltenen Register vor.
Das Grundkonzept sollte dabei francophon sein. Georg Schloetmann, der selber mehrere Jahre in Frankreich tätig war, steuerte entsprechende Erfahrungen bei. Wichtige Impulse kamen auch aus seiner Begegnung mit Instrumenten der Firma Dalstein & Haerpfer, die deutsche sowie französische Klangideale miteinander zu verbinden wusste.
Da die zur Verfügung stehenden Platzverhältnisse durch Gehäuse- und Emporengröße klar begrenzt waren, konnten »nur« 13 eigenständige Register verwirklicht werden.
Das von Rother stammenden Spieltischgehäuse wurde übernommen. Es stellte eine gewisse Anforderung dar, hier fünf mechanische Koppeln der neuen Spielanlage unterzubringen.
Die Disposition besteht aus dem Hauptwerk mit den wichtigsten Grundstimmen, spielbar vom ersten Manual. Dazu ein Schwellwerk, in dem weitere Farbregister stehen; angefangen von den leisen Streichern bis zur gravitätischen Zungenstimme. Im Pedal ist nur eine Bassstimme disponiert, die sich durch entsprechende Kopplung der Manualregister verstärken lässt.
Da in Pinneberg vor allem viele nebenamtliche Organisten tätig sind, wurde auf besondere Weise Rücksicht genommen auf diejenigen, die nur manualiter spielen: Es wurde eine Transmission des Pedalregisters Subbaß 16’ in das Hauptwerk gebaut.

Der sogenannte Bordunbaß bietet von C-f° ein Bassfundament für die linke Hand, ohne das dabei die melodieführenden Stimmen der rechten Hand abgedunkelt werden. Zur Vereinfachung dieser technischen Möglichkeit stehen die großen Basspfeifen auf einer pneumatisch angesteuerten Zusatzlade hinter der Orgel.
Ein zusätzlicher Choraltritt ermöglicht es dem Organisten, eine fest voreingestellte Registrierung per Fußtritt einzuschalten.
Bei der Ausführung der einzelnen Teile wurde Wert auf eine solide Verarbeitung gelegt. Die Windladen sind nach klassischem Vorbild komplett aus massiver Eiche gebaut. Die Pfeifen stehen alle direkt über den Schleifenbohrungen. Ein großflächiger Faltenbalg im Unterbau versorgt die Orgel mit ausreichend Wind und sorgt dafür, dass bei sehr großem Windverbrauch und vollem Spiel der Winddruck leicht ansteigt. Der Wind ist stabil, aber nicht starr und so musikalisch angenehm.
Das klassizistische Orgelgehäuse wurde restaurativ überarbeitet und fehlende Segmente ergänzt. Hier muss das Schwellwerk in besonderer Weise hervorgehoben werden. Es hat eine enorme Klangwirkung. Durch die starken Wandungen ist ein pianopianissimo möglich. Wird der Schweller langsam geöffnet, öffnen zuerst die Dachflächen und geben so über die Gewölbereflexion einen indirekten Klangeindruck in den Kirchenraum. Danach öffnen die Frontklappen. Vor allem beim Gebrauch der französischen Trompete sind hier atemberaubende Effekte möglich.
Insgesamt wurde so eine ästhetische Symbiose zwischen Alt und Neu geschaffen, so dass man meinen könnte, die Orgel sei nie anders gewesen.
Die Intonation ist sehr sorgsam ausgeführt. Alle Register klingen sehr warm und besitzen größtmögliche Mischfähigkeit. Dies ist vor allem hörbar bei dem für romantische Orgeln klassischen 8'-Trio Prinzipal, Gambe und Hohlföte.

Nun konnte sich die Orgel schon in vielen Konzerten behaupten, in denen die musikalischen Hürden der Programme eigentlich für große symphonische Schwestern gestellt waren. Die Registernamen wurden übrigens bewusst deutsch gehalten. Wie francophon die Orgel dann wirklich ist, sollte jeder Musiker selber beurteilen. Die Stimme eines Organisten aus der näheren Umgebung: »Das ist eigentlich die französischste Orgel in der Gegend . . .«
Das so verwirklichte Projekt zeigt auf wunderbare Art, dass ein adäquates Instrument zum einen ein reges Konzertleben ermöglicht, auf das bei der alten Orgel niemand zu hoffen gewagt hätte. Zum anderen zieht ein gutes Instrument auch Organisten an. Nicht immer hat man diesen glücklichen Fall, dass es nun eine Riege von fünf engagierten Musikern gibt, die sich den Orgeldienst teilen.


Für den Orgelbauverein Ansgar Springub


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